Im Grunde sind wir von der ZAS ja wie eine große,
glückliche Kulturredaktion. Weil das so ist, müssen wir uns nun
auch gemeinsam in Erholung tummeln - so der Ratschluß unserer kapriziösen
Chefredakteure, um derentwillen ich jetzt einem Betriebsausflug sondergleichen
entgegensehe. Dabei ist es schon schlimm genug, wenn ich mein hauptstädtisches
Nest periodisch zu den Redaktionssitzungen verlassen, und statt meines
garstigen grünen Weckers den nicht minder skurrilen Schoppenhauer
ertragen muß... Schoppenhauer ist ein Mensch, der immer genau das
meint, was er zu sagen glaubt, während alle anderen glauben, daß
er genau das, was er sagt, unmöglich meinen könne. Manchmal stellt
sich Jahrhunderte nach einer Äußerung Schoppenhauers und der
üblichen unmittelbaren Verstörung heraus, daß es noch eine
entlegene Deutungsvariante gibt, die nicht nur bei mir aus gutem Grund
regelmäßig bereits im allerersten Wahrscheinlichkeitsfilter
steckenbleibt, auf die er aber gezielt hatte. Der ist so.
Schön, zu Schoppenhauers Höhle also soll ich
mich verfügen, sobald der Eile-mit-Weile-Zug der Reichsbundesbahn
die Kapitale des hohen Nordens erreicht hat.
Moi j'essuie les verres
Au fond du café
J'ai bien trop à faire
Pour pouvoir rêver
Mais dans ce décor
Banal à pleurer
Il me semble encore
Les voir arriver...
Unter bestialischem Geheul der wundgeriebenen Räder
wird der Zug langsamer, bleibt endlich stehen. Eine schwammige Frau vor
mir reißt hektisch die Tür auf, merkt dann, daß sie irgendwas
vergessen hat, rennt panisch, mit hochfliegenden Wurstfingern, den Gang
zurück.
Ich hoffe sehr, daß die GSG 9 heute blau macht,
und trete hinaus auf den traditionell schmuddeligen, kleinen Bahnsteig.
Immer bereit. Immer lebe die Sonne. Auch wenn der unsymmetrisch verfettete
Schaffner es ihr zu verargen scheint, daß sie keine Dienstmütze
trägt. Er blinzelt sie böse an, dann mich, und schließlich
brüllt er: „Einsteigen! Türen schließen!”. Eine Lautsprecherstimme
sekundiert barsch-beflissen: „Zuuhuuuurücktretennn!!!” und ich
fühle mich nun doch umzingelt. Trotzdem, auch wenn meine Befehlsverweigerung
den Beamten sehr verdrießen muß, ihn noch galliger dreinzuschauen
nötigt: ich bin grade erst ausgestiegen, kann beim besten Willen nicht
weiterfahren, denn man erwartet mich hier. Außerdem will ich ja gar
nicht.
Karons Herz trommelte bis zum Hals, er rannte so schnell
er konnte, ab und zu drehte er sich nach den anderen um. Karon war jung
und ein guter Läufer, es war nicht die Anstrengung, die sein Herz
in Aufruhr versetzte. Ja, wenn es nach ihm ginge! Aber die anderen mußten
ihn noch sehen können, damit sie nicht Zeit verlören bei der
Suche nach dem richtigen Pfad. Er, Karon, mußte nicht suchen. Es
war etwas in ihm, das ihn mit aller Kraft in eine Richtung zog, und er
wußte, es war die richtige. Sie waren so langsam! Und jeder Augenblick
war entscheidend: vielleicht, bestimmt lebte Tires noch! Karon zwang sich,
einen Moment anzuhalten, damit die anderen ihn einholen könnten. Der
Gehilfe der Priesterin war bei ihnen, er war dick und träge, aber
nur er konnte seinen Freund Tires erlösen. Der Gehilfe der Priesterin
war es auch gewesen, der Tires an den Baum gefesselt hatte, weit weg vom
Dorf, während die Priesterin der Großen Mutter ihre Beschwörungen
gemurmelt hatte. Karon war nicht dabeigewesen, vor vier Tagen, aber er
wußte, daß es so gewesen war, denn es mußte so sein.
Er konnte nicht mitgehen, an dem Tag, als sie seinen Freund Tires auszusetzen
gingen. Er war einfach reglos geblieben, hatte sich einen ganzen Tag und
eine Nacht nicht bewegt. Dann hatte er geweint, heimlich, keiner sollte
es sehen, denn er war doch einer der Starken unter den Jüngeren.
Jemand hatte der Priesterin ihr zauberkräftiges
Amulett gestohlen, das sie nur bei besonders feierlichen Beschwörungen
anlegte. Die Priesterin hatte dann das Feuer befragt, und hinterher gesagt,
Tires war es. Tires war auch einer von den Starken, nicht so stark wie
Karon, aber dafür sehr, sehr klug. Niemand im Stamm verstand, warum
Tires etwas so Dummes getan hatte, der Priesterin ihr zauberkräftiges
Amulett zu stehlen. Jeder wußte doch, daß seine Berührung
einem Unglück brachte, wenn man nicht zu den Eingeweihten der Großen
Mutter gehörte. Dann hatten sie Tires ausgestoßen aus dem Stamm
und an einen weit entfernten Baum gebunden, wie das Gesetz es verlangte:
damit ihn dort die wilden Tiere töteten. Gestern nun war der alte
Permu gestorben, der schon alt gewesen war, solange Karon zurückdenken
konnte. In seiner Hand hatten sie das Amulett gefunden. Dann hatten die
Alten beraten: war Tires unschuldig? Vielleicht war es ein Zauber, daß
das Amulett zurückkam. Die Priesterin konnten sie nicht fragen, denn
sie hatte sich zu ihrer heiligen Ruhe in den Wald zurückgezogen. Die
Alten berieten lange.
Heute früh, kurz bevor die Priesterin mit den Eingeweihten
wiederkam, hatten die Alten ihren Entschluß gefaßt: Tires sollte
zurückgeholt werden. Wenn es ein Zauber gewesen wäre, der das
Amulett wiedergebracht hatte, dann hätte es zur Priesterin kommen
müssen, nicht zu einem Sterbenden, dem es noch im Reich der Großen
Mutter Unglück bringen konnte. Die Priesterin überlegte auch
lange, doch dann schickte sie ihren Gehilfen mit den anderen, denn nur
sie selbst oder er konnte Tires vom Fluch des Stammes erlösen.
Karon sah die anderen herankommen, nun lief er wieder.
Es tat ihm gut, so schnell zu laufen, wie er nur konnte; er hatte das Gefühl,
dadurch alles für seinen Freund zu tun, was in seinen Kräften
lag. Bald spürte er, daß es nicht mehr weit sein konnte, als
es plötzlich wie ein Schlag über ihn kam. Er stand, oder besser:
es stellte ihn. Er hatte eine kurze Vision von einem riesigen, blauen Ungetüm,
das mit zwei kurz über dem Boden gleißend hell funkelnden Augen
brüllend auf ihn zukam. Es war so unvermittelt vorbei, wie es gekommen
war. Karon konnte nichts damit anfangen und schalt sich wegen seiner Schwäche,
wo es doch um Tires ging, in jedem Moment! So schnell, wie er nun weiterlief,
war er noch nie gewesen; er ahnte, daß er beinahe am Ziel war, die
anderen würden es nun auch finden, nichts hielt ihn mehr zurück.
Dann sah er den Baum, zu dem es ihn gezogen hatte.
Karon merkte nicht mehr, wie er schrie, er stürzte
auf Tires zu, löste die Fesseln und fiel zusammen mit dem zu Boden
gleitenden Leib des Freundes. Die anderen fanden ihn wirr und zuckend neben
dem von vielen Eisenkrallen zerfetzten Leichnam.
Mir bleibt noch über eine Stunde bis zum verabredeten
Treffen bei Schoppenhauer. Was macht man damit? Auf Bahnhöfen zu sitzen,
hat meist ein bitter-wehmütiges Gefühl der Heimatlosigkeit zur
Folge. Und als Ursache. Es ist der notorische Nörgler, der das aus
mir sagt, dafür wird er auch nicht als weltenmüde, nicht als
leidend weise, sondern eben als nörglerisch bezeichnet - von dem ungeduldigen
und ewig dreijährigen Kind in mir, das des Nörglers ständiger
Widerpart ist, ihn aber langsam satt hat. Es kann das alles nicht glauben.
Vergiß es, möchte es sagen, vergiß alles. Doch im gleichen
Moment hält es sich naiv erschrocken die Hand vor den Mund, weil es
gesprochen hat, wie all die Erwachsenen um uns herum: man muß vergessen,
weil man sonst vielleicht nicht weiterleben kann. Und man muß doch
weiterleben. Hier schweigt der Nörgler; er und das Kind sehen sich
an, und wissen, daß sie sich brauchen: Wenn man muß, dann hat
es doch gar keinen Sinn, dann muß man eben nur, so wie man trinken
muß. Warum darf ich nicht nach meinem Wollen suchen?
Es ist ja nicht so, daß es immer dasselbe wäre
mit den Bahnhöfen. Heute zum Beispiel habe ich für einige Taler
die Wehmut zum Gepäck in ein Schließfach gesperrt und den Bahnhof
verlassen.
Man kann das.
Aber auch so ein Bahnhof merkt oft gar nicht, wenn er
verlassen wird. Nun sitze ich draußen auf einer Parkbank und bin
nicht mehr sicher, ob ich das wirklich kann: den Bahnhof verlassen. Mir
scheint, ich habe ihn mitgenommen. Entweder fehlt er jetzt dort, wo er
vorher war - ich kann den Platz von hier aus nicht sehen -, und all die
vielen Leute, die darin waren, laufen jetzt ratlos umher, oder alle Welt
ist Bahnhof geworden. Das letzte ist wohl wahrscheinlicher, denn Leute
sind nie ratlos. Sonst würden sie doch Fragen stellen. Sie stellen
aber keine Fragen, jedenfalls nie die richtigen. Nach der Uhrzeit, nach
dem Bahnsteig, nach dem Klo, ja, danach erkundigen sie sich zuweilen. Aber
es ist noch nie einer auf mich zugekommen mit der Frage, ob ich ihn liebe.
Oder wen denn sonst. Oder ob überhaupt.
Ils sont arrivés
Se tenant par la main
L'air émerveillé
De deux chérubins
Portant le soleil
Ils ont demandé
D'une voix tranquille
Un toit pour s'aimer ...
„Guten Tag. Roland ist leider momentan nicht zu
Hause, oder er hat überhaupt keine Lust, jetzt ans Telefon zu gehen.
Jedenfalls hat er mich, seinen automatischen Anrufbeantworter, beauftragt,
mir Ihre Mitteilungen zu merken - wenn sie wichtig sind. Bitte sprechen
Sie jetzt oder nie! Tüüüüt.”
„Äh, Roland, ich wollte eigentlich nur, ...ach Scheiße,
ich hasse Anrufbeantworter, na jedenfalls kannst Du..., ach, weißt
Du...” Roland taucht verstört aus der Dämmerung auf, in die er
neuerdings immer öfter abgleitet. Er versucht angestrengt, etwas schönes
zu träumen, doch es gelingt ihm dergleichen nicht. Auch kein Alp.
Nur dösen, immer dasselbe; das hatte ihn schockiert, als er es sich
zum erstenmal eingestand, jetzt ist er auch daran gewöhnt. Roland
hechtet zum Telefon.
„Sabine?!”
„Roland, äh,... na, du bist ja doch da, was soll
der Quatsch mit dem Anrufbeantworter?”
Rolands Phlegma, unsanft in die Zimmerecke geschleudert
bei seinem Sprung vom Sofa zum Schreibtisch, kriecht langsam wieder an
seinen Beinen herauf.
„Ach, reg dich nicht auf, bin ja dran. Also, was willst
du denn nun?”
„Ich fahr am Wochenende nach Cottbus, da... da würd’
ich gern mal wieder bei dir ‘reinschneien.”
„Hhm, klar, kein Problem.”
„Vielleicht können wir ja was zusammen unternehmen.”
„Ja, warum nicht, okay.”
„Aber nur, wenn du wirklich Lust dazu hast.”
Roland kennt diesen Tonfall, der eine Mischung ist aus
Selbstironie und Nötigung.
„Nein, wirklich, ist schon in Ordnung.” Die demonstrative
Absicht, sie nur ja nicht zu verletzen, eventuell etwas dick aufgetragen.
Er weiß, daß sie jetzt leidet, und genießt ihr kurzes,
trauriges Schweigen, bevor sie sehr munter hervorsprudelt:
„Also dann, bis zum Wochenende, ich schlag so gegen sechs
bei dir auf, wie immer. Tschüß, bis dann.”
Sie legt nicht auf. Er kennt auch das. Sie wartet. Er
legt den Hörer ebenfalls nicht auf. Ein scheußlicher Moment
für sie, auch das weiß er. Ein winziger Stachel, der nicht tötet,
den man aber nie wieder los wird, der einwächst in ihre ach so starke
Seele, die ausgerechnet bei ihm Halt sucht. Schließlich knackt es
doch im Hörer, den Roland in der Hand hält. Ein bißchen
gemein kommt er sich manchmal schon vor. Aber ist es seine Schuld, wenn
ihn jemand liebt und jeder Nichtigkeit Bedeutung abliest? Sie liebt ihn.
Hat sie jedenfalls mal gesagt. Das hätte sie nicht tun sollen. Er
mag sie ja, doch, durchaus; er findet sie recht nett, und sie bringt auch
ein wenig Abwechslung in seinen Trott, aber daß er sie so billig
kriegen kann, macht sie nicht gerade interessanter. Daß das vielleicht
schade ist, denkt er manchmal auch. Irgendwie hat sie das Spiel nicht so
drauf, scheint es, oder sie will es nicht, kann auch sein.
Ihr Pech.
Karon lag erstarrt und blickte entsetzt, voll Angst, ins
Feuer, während die feuchten Hände der Priesterin gierig auf seinem
Körper entlangglitten. Jetzt, wo er in ihrer Hütte auf seinen
letzten Sonnenaufgang wartete, die Hände auf den Rücken gebunden,
sah er zum ersten Mal, daß die Priesterin der Großen Mutter
eine häßliche alternde Frau war. Nicht dick, aber teigig, mit
bösen Augen ...
Sie hatten ihn und den toten Freund zum Dorf zurückgetragen,
der Gehilfe der Priesterin und die anderen. Kurz bevor sie es erreicht
hatten, war Karon zu sich gekommen, mußte aber noch gestützt
werden. Kaum im Dorf angelangt, begann der Gehilfe der Priesterin, wie
wild umherzuspringen, rhythmisch zu zucken, dabei immer wieder und von
überall auf Karon zu zeigen. Karon verstand nichts davon. Er begriff
auch nicht die ängstliche Scheu, mit der die anderen ihn betrachteten,
ja, er bemerkte sie kaum. Im Handumdrehen war das ganze Dorf um die Angekommenen
versammelt, um Karon.
An die Priesterin gewandt, stimmte ihr Gehilfe einen
untertänigen Singsang an, in dem er berichtete, daß Tires tot
sei und Karon, der als erster bei ihm gewesen sei, seine Fesseln zerschnitten
habe. Er klagte, dies hätte keinem anderen als ihm, dem Gehilfen der
Priesterin der Großen Mutter angestanden, und nun drohe dem Dorf
schlimmes Unheil, weil Karon das heilige Gesetz mißachtete. Karon
hatte den Ausgestoßenen befreit, bevor der vom Bann erlöst war;
damit war der Fluch unauslöschlich auf ihn übergegangen.
Karon verstand nichts. Ja, er wußte, daß
er den Freund nicht vor dem Gehilfen der Priesterin berühren durfte.
Hatte er das denn getan? Er konnte sich an nichts erinnern, in ihm war
es taub.
Die Priesterin entschied sofort, Karon müsse getötet
werden. Er erschrak nur ein bißchen, im selben Augenblick kam ihm
die Besinnung zurück.
Die Alten hatten weiter beraten, während Karon mit
den anderen unterwegs gewesen war, und nun fragten sie die Priesterin,
ob man die Große Mutter nicht überreden könnte, Tires nachträglich
als Opfer anzusehen. Die Priesterin wollte es versuchen, sagte sie, aber
dazu müsse auf jeden Fall auch Karon geopfert werden. Indessen folgte
Karon nicht dem Lauf der Dinge, sondern dachte immerzu an Tires und an
jene geheimnisvolle Kraft, die ihn unfehlbar zu dem verhängnisvollen
Baum geführt hatte, an dem der Freund gestorben war. Er hörte
auf einmal, wie die Priesterin sagte, jeder wisse ja, wie sehr Karon mit
dem Toten befreundet gewesen sei. Darum wäre es auch als ein Zeichen
des toten Tires anzusehen, daß offenbar sein Geist es Karon eingab,
das Heilige Gesetz zu brechen, damit Karon bald zu ihm kommen sollte. Das
wollte Karon nicht bestreiten.
... Er spürte den raschen, üblen Hauch der
Priesterin in seinem Nacken, das Haar sträubte sich ihm vor Angst
und Abscheu; die Priesterin schickte sich an, ihn auf den Rücken zu
drehen. Karon hörte vor Entsetzen auf zu atmen. Verzweifelt klammerte
sich sein Blick an die züngelnden Spitzen des Feuers, die sorglos
mit den durch Spalten im Dach eindringenden Fingern des Mondes spielten.
Er dachte daran, daß es morgen - am Mittag - eine große Feierlichkeit
geben würde, zu deren Höhepunkt die Priesterin ihm, Karon, die
eigens für die Opferungen bestimmte Eisenkralle in die Brust stoßen
würde. Er wußte, daß er schreien würde wie ein Tier.
Weiter konnte er nicht vorausdenken, nicht weiter als bis zum Mittag. Ein
Schauer schüttelte ihn, ausgelöst von einer unbestimmten Hoffnung
inmitten der Kälte ringsum. Er dachte an Tires.
So langsam wird es Zeit für mich. Auf zu Schoppenhauer.... Au cœur de la ville
Et je me rappelle
Qu'ils ont regardé
D'un air attendri
La chambre d'hôtel
Au papier jauni
Et quand j'ai fermé
La porte sur eux
Y avait tant de soleil
Au fond de leurs yeux
Que ça m'a fait mal,
Que ça m'a fait mal...
Niemand ist da. Roland ist allein. Roland ist niemand.
Es war fast immer so gewesen, scheint ihm, denn wiewohl er weiß,
daß er vergleichsweise oft unter Leuten ist, sind davon kaum Spuren
in seinem Gedächtnis. Das ist auch gut so, denkt er, denn meistens
langweilen ihn Leute. Und sich langweilen kann er auch allein. Das kann
er sogar gut, findet er - nicht ohne den heimlichen Stolz, der alle Märtyrer
auszeichnet von Alters her.
Roland verschwindet, wenn er auf seinem Sessel sitzen
und sich dabei hin- und herdrehen kann. Er ist dann einfach weg. Nicht
mehr da, nicht glücklich, auch nicht unglücklich (das ist ein
Vorteil, redet er sich ein), sondern unempfindlich, wie sonst auch, aber
nur hier mit Recht und ohne Bedenken. Mit dem gleichen Effekt liegt er
auch gern stundenlang auf dem Sofa.
Sofa, Couch, Chaiselongue, geht ihm durch den Kopf. Früher,
als Kind hat er in solchen Fällen wahllos Bücher verschlungen.
Die Musik ist aus. Das Spiel ist aus.
Wer weiß.
Das kraftlos zornige Stirnrunzeln und Brauenzusammenziehen,
weil die Fernbedienung aus geheimnisvollem Verhängnis oder natürlicher
Bosheit der Materie außerhalb bequemer Reichweite des Sitzenden liegt.
Wie er sich daraufhin erhebt, nicht ohne es vorher mit gewagten, mühsam
ausbalancierten Streckungen aus dem Drehstuhl heraus versucht zu haben;
wie er dann zur Fernbedienung geht, sich in den Sessel zurückfallen
läßt. Er hätte auch gleich zur Musicbox gehen können,
es war dichter.
Da er sich einmal bewegt hat, behagt ihm die Eindruckslosigkeit
seiner mehr als vier Wände nicht länger. Er überlegt, ob
er heute abend in irgendeine der angenehmeren Kneipen in der Innenstadt
gehen will.
Ja, wird er wohl.
Moi, j'essuie les verres
Au fond du café
J'ai bien trop à faire
Pour pouvoir rêver
Mais dans ce décor
Banal à pleurer
C'est corps contre corps
Qu'on les a trouvés...
Schoppenhauer sagt nix.
Aber ich: „Die Neuverschuldung der Primeln sprengt die
Grenzen des Sozialverträglichen!”
Bertram Schoppenhauer sieht mich an, als wäre ich
ein singendes Schokoladenplätzchen im Maul eines grünlichgrauen
Leguans. Er macht ganz den Eindruck, seine Haltung in den nächsten
Wochen nicht mehr ändern zu wollen. Das ist bedenklich, denn schon
in einer halben Stunde wird die Autobahn zu Ende sein, und es wäre
gut, wenn er als Steuermann das dann sähe. Immerhin huscht nun doch
ein geschwindes, wie ob seiner Verspätung schuldbewußtes Lächeln
über sein Gesicht; er guckt jetzt wie ein grünlichgrauer Leguan,
der zum ersten Mal ein singendes Schokoladenplätzchen gefangen hat
und sich dabei von Bertram Schoppenhauer ertappt fühlt. Der jähe
Wechsel und überhaupt sein lebhaftes Mienenspiel faszinieren mich.
Bertram Schoppenhauers Züge bleiben gewöhnlich eher ausdruckslos,
und wenn sie das einmal nicht sind, dann sind sie auch nicht zu deuten,
jedenfalls stimmen sie nie mit den Empfindungen überein, die anzuzeigen
sie doch gehalten wären. Umso gespannter bin ich, ob es ihm nun auch
noch gelingen wird, wie ein singendes Schokoladenplätzchen zu blicken,
das unter den Augen Bertram Schoppenhauers unverhofft von einem grünlich-grauen
Leguan erbeutet wird.
Nein, tut er nicht. Hätte mich auch gewundert. Wenigstens
hat er aber verstanden, daß ich das Schweigen nicht mehr ertrage.
Schoppenhauer versucht ein Gespräch:
„Sag mal, du liebst doch diesen verhinderten Sportreporter
aus der Bundeshauptstadt.”
Hätte ich nur den Mund gehalten.
„Wie kommst du darauf?”
„Also stimmt es?”
„Was fragst du mich das?”
„Du mußt es doch wissen.”
„Unsinn.”
„Also nicht?”
„Doch.”
„Idiot. Dann sag doch gleich ja, wenn’s stimmt!”
„Blödmann. Woher soll ich wissen, ob’s stimmt?”
„Na hör mal!”
„Wirklich, ich mag die großen Worte nicht: lieben.
Ich weiß nur, daß da was ist, was fürchterlichen Lärm
schlägt in mir, wenn ich es nicht so nenne.”
Schoppenhauer kann partout nicht übers Wetter reden,
darum bohrt er weiter:
„Es soll wiedermal im Prinzip aussichtslos sein.”
„Vermutlich ist mein Schicksal ein im Prinzip aussichtsloses.”
„Von wegen: keine großen Worte.”
„Sorry.”
„Du versuchst es trotzdem immer wieder?”
„Muß ich doch. Oder?”
„Du bist ein Träumer, Galen.”
„Kann sein.”
„Das ist krankhaft.”
„Ja.”
„Und?”
„Was: und?”
„Ich sagte: das ist krankhaft.”
„Und ich sagte: ja.”
„Es macht dir nichts aus?”
„Vorhin wolltest du, daß ich gleich ja sage, wenn
du recht hast.”
„Du solltest dich heilen lassen.”
„Ich werde ständig geheilt. Oder wolltest du dich
als Medizin anbieten?”
Schoppenhauer ist einen Moment irritiert, dann legt er
Trauer in seine irgendwie ziemlich alten Augen und grinst mich mitleidig
an: „Wirst du drüberkommen?”
Du lieber Himmel, jetzt macht mich der Mann auch noch
nachdenklich! Schönes Betriebsvergnügen!
„Wird man drüberkommen?”, muß ich wohl versonnen
vor mich hingemurmelt haben und ärgere mich jetzt über Schoppenhauers
freundschaftlich mitfühlende Gesichtsakrobatik.
‘Bin schon über ganz andre Sachen gekommen.’, denk
ich mutwillig. Aber ist das eine Zuversicht?
Schoppenhauer tut noch immer, als ob er sonstwas oder
überhaupt alles mitleiden könne. Wahrscheinlich kann er’s auch,
das macht es nur schlimmer. Es ist ein Gedanke, den man nicht zulassen
darf, denn er raubt das Gefühl der Einmaligkeit; das letzte, was immer
wieder bleibt.
On les a trouvés
Se tenant par la main
Les yeux fermés
Vers d'autres matins
Remplis de soleil
On les a couchés
Unis et tranquilles
Dans un lit creusé ...
Ich bin ja auch kein Fan von Tempodröhnung und Leitplankenflipper,
aber etwas eiliger könnte sie schon rollen, Schoppenhauers abgetakelte
Dieselfregatte. Bis vor einiger Zeit haben uns noch Autos überholt,
zuerst in steter Reihe, dann immer seltener. Jetzt sind wir ganz hinten,
die letzten, das Ende der Schlange auf der Autobahn. Es kann erst Mittag
sein, aber mit jedem jüngeren Gefährt, das uns zurückließ,
ist es ein wenig dunkler geworden um uns. Inzwischen ist der Himmel schwarz.
Schwarz, nicht nur dunkelgrau wolkenverhangen, sondern schwarz. Ohne Sterne
natürlich, es ist ja erst Mittag.
In einem Anfall von Jugenderinnerung heult plötzlich
der Motor, den ich mir grau und runzelig vorstelle, laut auf - um hernach
überanstrengt japsend zu ersterben. Schoppenhauer ist überhaupt
nicht verdutzt, sondern läßt das verendete Automobil austrudeln
und lenkt es dabei sacht aber bestimmt auf den Standstreifen. Der macht
seinem Namen Ehre und kommt binnen kurzem unter uns zum Stehen.
Während wir langsamer wurden, hat es angefangen,
vom pechschwarzen Himmel herabzutropfen, zögerlich, vereinzelt zunächst,
aber immer heftiger, je näher unser Gespann seinem Ruhepunkt kam.
Mittlerweile ist draußen Flut.
Schoppenhauer hat den Innenspiegel etwas zurechtgerückt.
Darin beobachten wir uns nun gegenseitig. Die Schwierigkeit, dem gespiegelten
Schoppenhauer in die Augen zu sehen.
Worauf wir warten, wissen wir absolut nicht, aber es
ist sicher, daß wir jeden eventuellen Vorschlag diesbezüglich
verwerfen würden, verwerfen müßten. Wer kennt so eine Situation?
Daß auch dieses Geschehen als Antwort nicht in
Frage kommt, denken wir einmütig in dem Moment, da die hintere rechte
Tür aufgerissen wird. Sie quietscht empört.
Der sich behend hereinzwängt, trägt gut sitzende
Jeans, Sweatshirt und, an den Schultern befestigt, einen schweren roten
Seidenumhang, den er elegant mit einer Hand neben sich legt, bevor er sich
selbst in die Polster fallen läßt, daß die Karosse wippt:
„Scheißwetter, beim Zeus!”
Er zeigt ein ebenmäßiges, aber keineswegs
belangloses Gesicht, das Anlaß gibt, ihn auf etwa fünfundzwanzig
zu schätzen, kurze, lockige Haare, braune Augen, die mir bekannt vorkommen.
So wie der gebaut ist, darf er schon mal die ollen Griechen
beschwören, denke ich bei mir und bin bestürzt über die
Schnelligkeit, mit der sich meine Verwunderung ob des unerwartet und dreist
erschienenen Fremden in Anteilnahme wandelt: „Da hast du ja Glück,
daß du uns hier triffst. Bei dem Guß! Du kannst dich in warme
Decken wickeln, wenn du willst, hinter dir liegen welche. Jedenfalls solltest
du die nassen Klamotten ablegen, sonst holst du dir hier noch den Tod!”
Er lacht kurz, durchaus herzlich, und antwortet trocken:
„Kaum.”
Schoppenhauer zieht pädagogisch die Brauen hoch.
Das macht er manchmal bei Leuten, die ihn nicht kennen; er möchte,
daß sie ihn für einen ernsthaften Menschen halten, weil ihn
das belustigt und weil er weiß, daß sie damit bald aufhören
werden, wenn sie ihn kennenlernen sollten.
„Das war ein freundliches, fürsorgliches und überaus
sinnvolles Angebot meines Kollegen. Überleg es dir. Du könntest
dir sonst wirklich eine Lungenentzündung oder sonstwas ekliges holen.”,
artikuliert er sorgsam. Der Fremde strahlt Schoppenhauer an. Dessen Haltung
lockert sich und er grinst zurück. Eine entspannte Freundlichkeit
breitet sich aus, umschließt uns alle drei, füllt das Innere
des Autos bis in den letzten Winkel, setzt es ab gegen das gleichgültige
Fallen der unempfindlichen Wassermassen dort draußen.
„Nein, ich werd’ mir gewiß keine Lungenentzündung
holen und auch nicht den Tod. Der bin ich nämlich selber.”
„Du siehst aber aus, wie’s blühende Leben.”, fällt
mir dazu ein.
„Ja, soll ich vielleicht als häßliches Gerippe
mit landwirtschaftlichem Gerät in der Gegend herumklappern?”, spricht’s
und verdreht in einer Art von Entrüstung die Augen, die zu einem Drittel
gespielt, zu einem Drittel echte Empörung über ein Vorurteil
und zum letzten, aber vielleicht wichtigsten Teil nur Platzhalter für
eine Empfindung zu sein scheint, deren Ahnung in mir seiner absurden Vorstellung
einen Schimmer von Wahrhaftigkeit verleiht.
Schoppenhauer ist, bei aller Konsistenz, nicht unsensibel.
Er spürt das Besondere des Fremden mindestens genausogut wie ich.
„Sieh an”, versetzt er, „der Tod kennt also ästhetische Kriterien.
Und die sind den unseren auch noch ziemlich ähnlich. Bisher glaubte
ich, entgegengesetztes begründet annehmen zu können.”
Der Fremde starrt Schoppenhauer an, als erkennte er ihn
unerwartet wieder.
„Ja, ich habe ‘ästhetische Kategorien’”, er sagt
es nicht direkt verächtlich, aber doch überspannt, ”und sie ähneln
teilweise den euren. Oder denen mancher von euch ähneln sie. In der
Hauptsache jedoch kenne ich eure Vorstellungen. Und ihr seht mich doch
wohl lieber so, statt eines zahnlosen Skelettes!”
„Gewiß, ja, ... sicher ...”, kann ich einwerfen,
bevor Schoppenhauer mir ohne Bosheit über den Mund fährt, als
wäre ich gar nicht hier: „Gut. Aber warum sterben dann solche, deren
nicht nur äußerliche Schönheit auch für dich außer
Zweifel stehen muß, viel zu früh, während in jeder Hinsicht
garstige Kreaturen alle Hoffnung überleben?”
Der Fremde scheint irgendwas genau zu wissen, was sich
meiner Kenntnis jedenfalls entzieht, und rutscht plötzlich nervös
auf der Rückbank herum.
„Sachzwänge.”, murmelt er dann zum Teil trotzig,
zum Teil verlegen, zum Teil ... traurig. Schoppenhauer und der Fremde rasten
gleichzeitig ein in ein Muster, wie wenn sie zwei eifersüchtige, aber
gesellschaftlich korrekte Liebhaber wären.
„Und wieso kommst du jetzt zu uns? Hatten wir einen Unfall,
oder was?”
Es ist ein Plauderton, den Schoppenhauer anschlägt,
und der Fremde geht darauf ein: „Ach nee, wir sehen uns dienstlich erst
in ein paar Jahren nochmal. Eure Chefredaktion säuft mit Ahasver und
Odin, wißt ihr, Luzifer hat schlechte Laune, Gott ist seit ein paar
Jahrtausenden immer so ernst - er verliert langsam seine Souveränität,
glaub’ ich, warum soll’s ihm besser gehen als mir - und ich liebe einen
Cherub, der mich nicht leiden kann. Wo also soll ich wohl hin, bei dem
Scheißwetter? Ich meine, ihr seid doch ganz nett und wir könnten
uns prima vertragen, oder?”
Ich liebe Suggestivfragen.
„Nett sind wir nur ausnahmsweise, und ob wir uns vertragen,
wird sich erst noch zeigen. Spielst du Skat?”, frage ich ihn - zugegebenermaßen
leicht verstimmt. Der Umstand, daß er von unserer Chefredaktion weiß
und berichtet, verwirrt mich etwas. Solange, bis ich dazu übergehe,
seine Story schlicht zu glauben. Das vereinfacht vieles. Meine Güte,
ich hab’ ja auch schon manches und manchen gesehen und erlebt, sogar seinen
Chef, von meinen beiden gar nicht zu reden. Trotzdem bin ich von diesem
Augenblick an ihm gegenüber befangen. Befangener, als ich aller Vernunft
nach sein dürfte. Seine Schönheit, nur zum Beispiel, berührt
mich so, als hätte ich darum nicht gewußt.
Au cœur de la ville
Et je me rappelle
Avoir refermé
Dans le petit jour
La chambre d'hôtel
Des amants d'un jour
Mais ils m'ont planté
Tout au fond du cœur
Un goût de leur soleil
Et tant de couleurs
Que ça m'a fait mal,
Que ça m'a fait mal...
Der Tod spielt lausig Skat.
Wenn ich das sage, will das was heißen, denn ich
spiele auch nicht gut. Es ist ihm egal, wie wir ihn nennen. Schoppenhauer
sagt „Mannhafter” zu ihm, ich rede ihn mit „Bekränzter” an. Die phonetische
Analogie zu „Begrenzter” ärgert ihn fast überhaupt nicht. Als
ich ihn zum ersten Mal so anspreche, schaut er auf, sieht mir kurz in die
Augen, und bemerkt etwas außerhalb des spielerischen Zusammenhangs:
„Natürlich wirst du drüberkommen, Klaus. Weißt du übrigens,
was das Christentum in Gestalt des Kardinals Ratzinger und seiner Bibel
zu dir sagt?”
„Nun?”
„Du sollst nicht bei Knaben liegen wie beim Weibe, denn
es ist ein Greuel.”
„Mach’ ich doch auch gar nicht!”, erkläre ich mit
gutem Gewissen, denn wiewohl ich „Greuel” für ein zu starkes Wort
halte, was Frauen betrifft, so kann ich doch ehrlichen Herzens beteuern,
mit diesen anders zusammenzuliegen als mit jenen.
Der Tod grient und verliert wiedermal.
Als es draußen zu regnen aufhört, die Sonne
wie neugeboren erstrahlt, erklärt der Tod - Schoppenhauer hat gerade
gegeben - lächelnd und ohne Groll:
„Ich habe verloren. Machen wir Schluß!” Dabei legt
er seine just erhaltenen Karten auf den Schalthebel, wo sie heftig schaukeln,
aber nicht fallen. „Ihr habt einen Wunsch frei an mich.”, ergänzt
er.
„O Gott, wie im Märchen!”, stöhnt Schoppenhauer
erheitert.
Der Tod erwidert: „Nicht ganz. Ich schränke das
ein. Ihr habt einen Toten frei. Einen gebe ich frei. Schaut aus den Fenstern,
links und rechts. Ihr seht zwei sterben.”
Hell ist es wieder draußen. Mittag. Zweimal.
Links sehe ich einen Jungen an einen Pfahl gebunden,
um den eine Schar spärlich bekleideter Männer herumtanzt. Ein
vorzeitliches Opferritual, weiß ich irgendwoher. Auch, daß
der Junge Karon heißt und seinen Freund Tires verloren hat, und daß
die ältliche, dicke Frau, die mit einem reich verzierten Messer in
der Hand neben ihm steht, die Priesterin des Stammes ist. Alles weiß
ich über ihn. Eine Rolle, die mir nicht gefällt.
Rechts geht Roland einkaufen, schickt sich an, eine Hauptstraße
in seinem Neubaugebiet zu überqueren. Ich sehe was, was er nicht sieht.
Nämlich den hellblauen Laster, der von links auf ihren noch imaginären
Treffpunkt zurast und verzweifelte Signale mit der Lichthupe gibt, weil
er nicht bremsen kann. Roland findet sich vorbildlich, indem er - wegen
der vielen kleinen Kinder in seinem Ghetto, die nur darauf lauern, sich
in Nachahmung erwachsener Ordnungswidrigkeit ins Verderben zu stürzen
- erst dann über die Straße gehhht, als an der Fußgängerampel
das grüne Männlein aufleuchtet.
Der kurze, gellende Schrei Karons, als das Messer in
der Hand der Priesterin sein Herz zerreißt, und das schmatzende Geräusch,
das Rolands Ende unter einem immer noch lichthupenden hellblauen Lastwagen
anzeigt - beide durchbrechen die Stummfilmstille der bisherigen Szenen.
Sie mischen sich zu einem Laut, der einem überaus weltlichen Verdauungston
ähnelt. Kultische Menschenopfer, Altzeit und Neuzeit, sind die ersten
Begriffe in meinem Kopf.
Mit seinem kuscheligen Bariton, der mir vorher gar nicht
aufgefallen ist, fragt der Tod: „Einen von den beiden gebe ich frei. Welchen
wollt ihr?”
Schoppenhauers Gesichtszüge entgleisen, er beißt
die Zähne zusammen und preßt das Lenkrad, daß es kracht
- er kämpft, mein Gott, Schoppenhauerrr kämpft! Während ich
zu fassen versuche, was man von mir verlangt, bringt er keuchend hervor:
„Gib ... mir...”
„Nein!”, ruft der Tod schneidend, „Nein!”
Schoppenhauer erbleicht, wird wieder ruhig, nur rote
Flecken bleiben im Gesicht.
„Du hast recht.”, sagt er ächzend.
„Welchen?”, fragt der Tod so, als wäre nichts gewesen.
Minuten vergehen, dann sagt Schoppenhauer: ”Keinen.”
„Einen!”, sagt der Tod.
„Keinen!”, erwidert Schoppenhauer.
Der nun bleich wird, ist der Tod. „Wer bin ich?”, flüstert
er und entfernt sich hektisch durch die wiederum beleidigt quietschende
Tür. In den blendenden Strahlen der Mittagssonne ist er unseren Blicken
schnell entschwunden. Schoppenhauer atmet schwer.
Irgendwann bringe ich den Mut und die Herzlosigkeit auf,
ihn zu fragen:
„Warum?”
Stille.
„Warum was?”
„Warum keiner von beiden?”
„Sie haben sich beide nicht grade ums Leben gerissen,
finde ich. Der eine ist brav zur Zeremonie gegangen, der andre ... naja.”
Schoppenhauer sagt es leise, zögernd und wie um
Widerspruch bittend.
„Aber Karon war nur verblendet von seinem Glauben, seiner
Unwissenheit, irregeführt...”
„Ach, meinst du, der andere nicht?!”
Jetzt funkelt er mich zornig an, bringt mich dadurch
zum Schweigen; ich weiß, daß ich etwas dummes gesagt habe,
fühle mich aber trotzdem ungerecht behandelt. Er merkt es, lockert
sich, lehnt sich im Sitz zurück und schließt die Augen, während
er fast flüsternd zu mir sagt: „Du stehst unter Schock, Klaus, du
denkst sonst schneller und klarer. Ich weiß, daß ich unsäglich
egoistisch entschieden habe - ich hätte es nicht, hättest du
dich auch nur gemuckst. Aber so... Was wäre aus Karon geworden? Ruf
dir die Bilder ins Gedächtnis! Sein Gesicht, die Augen... Ein Gläubiger!
Ein lieber, ja. Geworden wäre er ein ... Roland. Oder ein Bertram.
Das hätte ich nicht ertragen. Der anderen Möglichkeit wegen.
Verstehst du das?”
Soll ich dazu was sagen? Kaum.
Schoppenhauer dreht das Radio an. Wir hören die
Piaf. Unser Französisch reicht aus, uns bis zum Schluß des Titels
stillsitzen zu lassen:
„Moi j'essuie les verres
Au fond du café
J'ai bien trop à faire
Pour pouvoir rêver
Mais dans ce décor
Banal à pleurer
Y a toujours dehors...
... La chambre à louer...”
Ein Glas zerbricht. Schoppenhauer fegt die Skatkarten
vom Schalthebel und startet den Motor - es funktioniert. Beim Anfahren
im dritten - Schoppenhauer ist noch Führer auf Probe - verröchelt
die gebrechliche Maschine mit einem Klagelaut, der unsere vom Mitleid gebeutelten
Ohren vollends herabhängen läßt. Glück im zweiten
Anlauf.
Am Ausflugsziel fidele Chefredaktion getroffen.
Getrunken, gelacht.
Umkehr.
Schoppenhauer fährt mich nach Hause, setzt mich
kurz vor meiner Straße ab. Ein paar Schritte. Eine mir näher
bekannte Studentin, einen Nobel-Telefonapparat mit Gebührenanzeige
untern Arm geklemmt, schlendert entschlossen durch den Kiez. Begegnung:
„Wo willst’n du hin?”
„Ich geh’ telefonieren.”
Komischer Tag heute.